Hilfsfristen in unserer Bundeshauptstadt

    • Hilfsfristen in unserer Bundeshauptstadt

      Wie ihr sicherlich mitbekommen habt hat unser Mituser @Firekiller soeben den Jahresbericht mit Hilfsfristen gepostet.
      Jetzt würde ich gerne mal eure Meinung hören, da ich mir eine interessante Frage gestellt habe.

      Und zwar frage ich mich ob es nicht sinnvoll, hilfreich und vorallem möglich wäre, ein System in Berlin einzuführen wie es z.B. in NYC gemacht wird ?
      Könnte es nicht helfen die desolaten, ja gar katastrophalen Hilfsfristen ins rechte Lot zu rücken, wenn man wie in New York die RTWs auf "Taktisch" guten Kreuzungen in ihrem Wachbereich stationiert statt zentral auf einer Wache ?
      Diese würden dann halt von dort ihre Einsätze fahren und nur bei größeren Desis oder Dienstschluss an die Wache zurückkehren, während die NEF an den Wachen verbleiben.

      Ich wollte dies jetzt nicht in den Leitstellenthread schreiben um dort keine Diskussion zu starten.
      Bin gespannt was ihr dazu sagt.
    • Aus Erfahrung einer Berliner Rettungsdienst-Schicht: Du bist eh nie auf der Wache. Alarm erfolgt direkt wieder aus Status 1 meist.
      Und das Netz an Wachen in Berlin ist eh schon so dicht und engmaschig, dass sich das Rum-Ge-Loziere ned lohnt.
      Konsequente Anwendung georeferenzierter Alarmierung und fertig.

      Das Problem bleibt eh die Menge der Notrufe. Da sind solche Stellschrauben, wie du sie erwähnst, nur (fragwürdig effektive) Symptomkontrolle statt Ursachenbekämpfung.
      Und was man gegen die Ursachen tun kann ist altbekannt und liegt wenig in den Händen der Berliner Feuerwehr. Abgesehen vom konsequenten Abgeben von low-codes an die ambulanten Strukturen.

      Einzig, dass sich Berlin für eine gestaffelte Hilfsfrist eignen würde ist noch ein Punkt. "One size äh time fits all" stimmt einfach nicht. Aus SNAP fallen ja bereits prioritätsdifferenzierte Einsatzcodes raus. Auf die man derzeit hald fast ausschliesslich mit der Einheitslösung RTW mit Signal (teils plus NEF) draufhaut... (Ich klammere jetzt mal bewusst den ARE- bzw NotSan-Erkunder aus.) Da könnte man zB dann Staffeln nach 8Minuten-90% für kritische Patienten und 15 Minuten-90% für weniger Dringliches und 30min-90% für den Notfalltransport.
    • Noch einmal hier angemerkt, aus der Diskussion drüben: Setzen wir das Ganze doch einmal ins Verhältnis:

      Zumindest in Bayern spricht das INM von einer Reaktionszeit von dort 10,47 min [INM 2020, S. 65] und Reaktionszeit-Medianen von 9 - 10 min für die Stadt München und 10 - 11 min für die Stadt Nürnberg [INM 2020, S. 81].

      Dabei ist allerdings der Unterschied zwischen Median und Durchschnitt zu beachten: Der Median ist genau der Datenpunkt, wo 50%-1 Datenpunkte < Median und 50%-1 Datenpunkte > Median sind, wo hingegen der Durchschnitt deutlich ausreißersensitiver ist (dem Median ist egal, ob die Hilfsfrist 12 Minuten oder 24 ist, dem Durchschnitt nicht). Somit wird der Median-Wert für Berlin irgendwas um die neun Minuten liegen. Gemäß den selbst gesetzten Zielen ist das das 90%-Quantil natürlich viel zu hoch, aber im Vergleich mit anderen Gebietskörperschaften steht die Hauptstadt da gar nicht so schlecht da.
      ILS Gütersloh (ID 34102) Simulation | Forum
    • Hallo zusammen.

      Danke an @juppes für das Ausgliedern.


      dens wrote:

      Aus Erfahrung einer Berliner Rettungsdienst-Schicht: Du bist eh nie auf der Wache. Alarm erfolgt direkt wieder aus Status 1 meist.
      Und das Netz an Wachen in Berlin ist eh schon so dicht und engmaschig, dass sich das Rum-Ge-Loziere ned lohnt.
      Konsequente Anwendung georeferenzierter Alarmierung und fertig.
      Volle Zustimmung. Trotzdem gibt es in den Randbezirken oft haarsträubende Lücken bedingt durch die hohe Fahrzeugauslastung, die dann zu Weltreisen anderer Fahrzeuge führt. Gebietsabdeckung hab ich bspw. in Berlin noch nie erlebt, da kann man durchaus noch was machen.

      dens wrote:

      Das Problem bleibt eh die Menge der Notrufe. Da sind solche Stellschrauben, wie du sie erwähnst, nur (fragwürdig effektive) Symptomkontrolle statt Ursachenbekämpfung.
      Und was man gegen die Ursachen tun kann ist altbekannt und liegt wenig in den Händen der Berliner Feuerwehr. Abgesehen vom konsequenten Abgeben von low-codes an die ambulanten Strukturen.
      Nunja, die Notrufmenge ist groß, aber ja nun nicht unerwartet groß. Man hat das Thema nur über Jahrzehnte verschlafen und dabei viel vor die Wand gefahren.
      • Hamburg hatte 2018 289.000 Rettungsdienst Alarmierung mit 151.000 daraus resultierenden Transporten und erreicht hierbei immerhin 65% der 8-Minuten Hilfsfrist.
      • Köln schaffte 2018 bei 191.000 Rettungsdienst Alarmierungen eine Hilfsfrist-Quote von 90% im 8 Minuten Intervall.
      • Aktuell ist der Rettungsdienst in Berlin unterfinanziert und für das Personal absolut unattraktiv. Es gelingt kaum neues Personal zu gewinnen und zuhalten, nicht einmal die Hilfsorganisationen sind in der Lage ihre Fahrzeuge fest zu besetzen. Weiterhin wurden externe Beteiligte zu lange aus dem Berliner Rettungsdienst heraus gehalten und auch heute noch ist es für sie finanziell extrem unattraktiv in Berlin tätig zu werden. Nur die hoch ausgelasteten Fahrzeuge sind gewinnbringend, aber da will ja niemand dauerhaft drauf sitzen. Den lukrativen NEF Bereich hat man sich weiterhin praktisch exklusiv gesichert. Es fehlt an qualifiziertem Personal, gutem Material, guten Wachen und guter Technik. Da gilt es mindestens 15 Jahre aufzuholen.
    • Firekiller wrote:

      Es fehlt an qualifiziertem Personal, gutem Material, guten Wachen und guter Technik.
      Ersteres wächst leider nicht auf Bäumen und ist gerade mit Gehältern aus dem Berliner Seckel nicht zu locken, aber an gutem Material und Technik arbeitet die Berliner Fw ganz eindeutig. Nur mal so als Beispiel einfach mal die aktuellen Berliner SOP für alle Rettungsdienstbeteiligten (Link zum PDF) ankucken, die gemäss einhelliger Meinung medizinisch, inhaltlich, strukturell und rechtlich in Deutschland ganz oben mitspielen, Auch am Material wird gearbeitet (RTW C mit zwei Rucksack System, Zoll X-Series, Oxylog3000, Bougie, Videolaryngoskopie, etc.).
      Aber ja gerade an vielen Ecken, die durch mehr Behörden gehen müssen als nur durch den Stab RD bzw die ÄLRD, dauert es alles und es muss viel aufgeholt werden.
      (Und im Übrigen ist die BF mittlerweile attraktiver als die HiOs...)
    • Stimmt. Hier hat aber auch keiner gesagt, dass einer gut sei. Ich hab meinerseits nur meine Verwunderung über die Formulierung "nicht einmal die Hilfsorganisationen sind in der Lage ihre Fahrzeuge fest zu besetzen" geäußert, weil es überall dort, wohin ich meine Fühler so ausstrecke, eher die HiOrgs sind, die Probleme bei der Personalaquise haben (im Sinne von "die größeren Probleme").
    • Meine Äußerung basierte jetzt nur auf meinen persönlichen Erfahrungen des letzten Jahrzehnts, in dem ich am Berliner Rettungsdienst auch selbst teilgenommen habe. Mitte der 2000er gab es die ersten RTWs aller Hilfsorganisationen. Damals neue Autos mit Ausstattungsniveau auf Höher der Berliner NEF. Zu damaligen Zeiten fuhr die Berliner Feuerwehr noch mit einem AED und dem Tragestuhl durch die Gegend, Medikamente waren überwiegend gar nicht verlastet. Sprich es lagen wirklich Welten zwischen den Konzepten. Dies hat sich jetzt über die letzten Jahre angeglichen und sicherlich auch dazu geführt, dass die HIOs nicht mehr ganz so attraktiv, wie früher sind.
    • Joa, nur dass eben das Austattungsniveau, Algorithmen und Strukturen mittlerweile durch den Stab RD für alle Leistungserbringer vorgegeben sind und voran getrieben werden.

      Ich hab mich früher auch viel über Berlin lustig gemacht, kenne aber mittlerweile die dortigen Zustände recht gut und habe Kontakt zu Leitungs- wie Rettungsdienstpersonal und kann daher schon sagen, dass man alle Aussagen und Wertungen über die Berliner Notfallrettung, die älter als drei Jahre sind, komplett in die Tonne werfen kann, da sie nicht mehr aktuell sind.