Entstehungsgeschichte des Rettungsdienstes in Deutschland und/oder den USA

    • Entstehungsgeschichte des Rettungsdienstes in Deutschland und/oder den USA

      Servus liebe Freunde des blaulichtgebundenen Rennenfahrens,

      ich schreibe derzeit meine Bachelorarbeit im Fach Politikwissenschaften und beschäftige mich dazu mit der unterschiedlichen Entstehungsgeschichte der Rettungsdienste in Deutschland und den USA (Wissenschaftler nennen das "process tracing" - meint mein Betreuer ;) )

      Zentrale Fragestellung ist, warum es teils massive Unterschiede in den Organisationsstrukturen der Rettungsdienste (natürlich schon innerhalb Deutschlands, aber erst recht international) gibt. Prinzipiell müsste man ja annehmen, dass sich die Systeme funktionalistisch (also welches am besten funktioniert) entwickeln, da ja sich die Art der Notfälle in den modernen Industrienationen nur bedingt unterscheidet.
      Deshalb interessiere ich mich für die Entstehungsgeschichte der jeweiligen RD-Systeme.

      Und jetzt kommt ihr vielseitigen, blaulichtinteressierten Leute ins Spiel: Kennt ihr zufällig interessante Bücher, Zeitschriften(-artikel), Webseiten oder andere Schriftstücke, die sich mit der Entstehungsgeschichte des RD in Deutschland und/oder den USA beschäftigen? Gerne auch Einzelfälle (aka Geschichte des SanKa's in Hinterbuxheim o.ä.)

      Ich hoffe, ich bin damit hier am richtigen Ort. Vielleicht weiß ja der/die ein oder andere da etwas.
      Danke auf jeden Fall schonmal für euer Interesse, wenn ihr bis hierhin gelesen habt. ;)
    • Wow, das ist ein sehr spannendes Thema. Mich damit zu beschäftigen schiebe ich (aus Zeitgründen) auch schon länger vor mir her.
      Aber jetzt erst einmal die Geschichte der DRK-Gliederung im Ort.

      Zwei Stichpunkte, die ich in dem Zusammenhang aus dem Stehgreif wichtig finde, weiß nicht, inwiefern du das natürlich schon auf dem Schirm hast:
      - Die Entwicklung des RD / Struktrierung des RD hängt maßgeblich von der Besatzungszone ab - was mit Blick auf das gewählte Vgl.-Land sicher interessant wäre. Im NS war der zivile Krankentransport auf das DRK zentralisiert, ASB wurde ja bspw. verboten. (Könnte ich dir zu beidem was liefern, halt lokal, aber als Anhaltspunkt sicher nützlich) Und je nach Umgang mit dem Verbot des DRK als NS-Organisation wurde dann der RD aufgebaut.
      - Unfallrettungsdienst war zumindest lokal Anfang des letzten Jahrhunderts mitunter auch der Polizei zugeordnet. Kenne von meinem Ort Diskussionen darüber, ob das Revier einen Krankenwagen o.ä. bekommt, da die Unfälle zunehmen.
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      Auch interessant: FAQ
    • Zu deinem ersten Punkt: Ja das habe ich auch so herausgefunden. Wobei beispielsweise die amerikanischen und britischen Besatzungszonen den Deutschen nicht ihr Paramedic-System aufs Auge gedrückt haben, was auch interessant ist. Aber darin wurzelt bis heute, dass in einigen Regionen Rettungsdienst in einer Stadt Aufgabe der Berufsfeuerwehr ist, und anderswo durch (private) Hilfsorganisationen geleistet wird.
      Das mit der Vereinheitlichung durch die Nazis ist auch spannend, weil sich ja darin auch wieder das Quasi-Monopol des DRK/BRK begründet. Lokale Quellen sind dabei kein Problem. Es ist ja in ganz Deutschland grundlegend ähnlich verlaufen. Sich da einen Spezialfall rauszupicken verfälscht das Ganze nur minimal.
      Das mit der Polizei wusste ich noch nicht, das klingt sehr interessant.
    • Eine wirkliche Literaturempfehlung kann ich Dir da auch nicht geben. Man muss sich das tatsächlich mühsam aus einzelnen Bereich und dem Web zusammen suchen, wie auch ich schon im Rahmen von Hausarbeiten für das Studium erfahren musste.

      Ganz grundsätzlich würde ich da zwei, drei Punkte sehen, die als Gründe für die unterschiedlichen RD-Systeme wohl zutreffend sind:
      • Staatsstrukturprinzip (vor allem nach dem 2. Weltkrieg, am Beispiel Deutschland, wie es zur föderalen Struktur gekommen ist)
      • Struktur und Funktion des Gesundheitswesen (auch im Zusammenhang mit einem evtl. "Sozialstaatsprinzip")
      • Nationale Entwicklungsgeschichte des RD in den verschiedenen Staaten (arztbasiert, paramedizinisch, Krankenpflege). Hier würde ich einmal die Systeme Deutschland, Frankreich, Schweiz, Niederlande, England und USA vergleichen. Bestimmt spannend! Neben der Lobby wären hier auch die verschiedenen Finanzierungsmodelle der Gesundheitssysteme der verschiedenen Staaten sicher interessant zu beleuchten um zu verstehen, wie sich etwas entwickelt hat.
    • Auch wenn es naheliegend ist, wird das meistens gerne übersehen:
      Wenn es in deiner Nähe einen größeren Kreis- oder Ortsverband gibt würde ich mal da anfragen. Da sind oft Mitarbeiter, die schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben und ne Menge dazu erzählen können (dann hättest du eben den lokalen Bezug). Oft machen die Jungs dann auch nen offiziellen Aushang auf der / den Rettungswache(n), mit der Bitte dass du Unterstützung brauchst. Im Gegenzug gibts in der Bachelorarbeit dann ne nette Erwähnung / Widmung und somit etwas publicity, also win-win für beide Parteien.

      Edit: Über google findet man auch keine schlechten "Quellen", ist halt meist englischsprachig, aber das sollte kein Problem sein denke ich.
      A Brief History of EMS in the USA

      Alternativ kannst du dir mal eine ähnliche Bachelorarbeit aus Worcester anschauen
    • Da fällt mir spontan auch die Dokumentation über die Entstehung des Notarztdienstes in Nürnberg ein, siehe hier.

      Auch interessant ist das Buch "Der Hamburger Rettungsdienst und seine Geschichte: 160 Jahre zwischen Behörde und Ehrenamt". Schau mal ins Inhaltsverzeichnis, klingt sehr spannend.
      Eventuell hilft das Buch "Qualitätsmanagement und Zertifizierung im Rettungsdienst". In der Kurzbeschreibung dort heißt es:

      Es ist wichtig, vor einer eher allgemeinen Betrachtung der Themen Qualität und Qualitätsmanagement auch die Geschichte des Rettungsdienstes und einige seiner möglichen Erscheinungsformen auszugsweise darzustellen. Die geschichtliche Entwicklung hängt eng mit den daraus resultierenden (Qualitäts-) Anforderungen an das System „Rettungsdienst“ zusammen. Doch auch für Leser, die nicht im Rettungsdienst tätig sind, beinhaltet dieses Kapitel wertvolle Informationen, die für das Verständnis der folgenden Inhalte von Bedeutung sind.


      Vielleicht hilft dir das weiter :)

      Viel Erfolg beim Schreiben!
      Gruß,

      Tobi

      Team NÜRNBERG (ID 73 / 86 / 88 / 89)
    • Alex GX schrieb:

      Wobei beispielsweise die amerikanischen und britischen Besatzungszonen den Deutschen nicht ihr Paramedic-System aufs Auge gedrückt haben, was auch interessant ist.
      Nicht wirklich, da der Paramedic in den USA erst in den 1970ern "erfunden" wurde, also weit nach der Besatzungszeit.
    • Sehr cool, vielen vielen Dank vor allem @FaRa für die genannten Quellen. (Ich ärgere mich echt, dass ich den Text von EMRA noch nicht hatte ^^ )

      @Tobiashollmann: Das mit dem Hamburger Rettungsdienst muss ich mir mal anschauen, das Buch über Qualitätsmanagement habe ich auch schon entdeckt. Er liefert aber nur bedingt neue Erkenntnisse und beruft sich oft auf den Großmeister der wissenschaftlichen Literatur über Notfallmedizin F.W. Ahnefeld. Falls euch das interessiert (und ihr zufällig einen Uni-Zugang bei Springer-Link besitzt), kann ich euch echt nur seinen Artikel in "Notfall & Rettungsmedizin" "Die historischen Fundamente der Notfallmedizin" empfehlen. Da steht einiges Witziges über die Geschichte der Wiederbelebung drin.

      @RFSW: Das ist alles bestimmt wahnsinnig interessant, sprengt aber tatsächlich leider den Rahmen einer Bachelorarbeit (sind ja unterm Strich doch "nur" 35 Seiten), plus das ich als Politikwissenschaftler noch ein bisschen Theorie dazu brauche. Deshalb muss ich mich leider auf Deutschland und die USA beschränken und kann nur schwer alle Zusammenhänge darlegen, auch wenn sie bestimmt vorhanden sind.
      Aber das Schöne an wissenschaftlichen Arbeiten ist ja, dass man ins Fazit dann reinschreiben kann, was man zu dem Thema noch alles forschen könnte.
    • TheOssi schrieb:

      Alex GX schrieb:

      Wobei beispielsweise die amerikanischen und britischen Besatzungszonen den Deutschen nicht ihr Paramedic-System aufs Auge gedrückt haben, was auch interessant ist.
      Nicht wirklich, da der Paramedic in den USA erst in den 1970ern "erfunden" wurde, also weit nach der Besatzungszeit.
      Auch das heutige Notarzt-System hat seinen Ursprung ja erst in den späten 50er/ frühen 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts, wenigstens rühmt sich Heidelberg damit Ende der 1950er einen "mobilen Operationssaal" mit mehreren Chirurgen und 1964 das erste Notarzt-Einsatzfahrzeug nach heutigem Verständnis im Rahmen eines Rendez-Vous-Systems eingeführt zu haben. Interessant wäre im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung zu den unterschiedlichen Systemen vielleicht auch eine Betrachtung der folgenden Aspekte im Übrigen:
      - Welchen Einfluss haben die jeweiligen Interessensvertretungen (in Deutschland etwa die Ärztekammer)
      - Wie sieht das denn in angrenzenden Professionen aus? (Vielerorts haben zum Beispiel Pflegekräfte auch deutlich andere Aufgaben als hier)
      - Wie wird der jeweilige Rettungsdienst finanziert, insbesondere: Unter welchen Umständen steht er den Patienten zur Verfügung?
      - Kann man den Rettungsdienst da wirklich isoliert betrachten, oder müsste man auch Polizei, Feuerwehr und co. mit einbeziehen in eine solche Untersuchung?
      - Gibt es überhaupt sowas wie "DEN Rettungsdienst in Deutschland" oder "DEN Rettungsdienst in den USA"? Während in Deutschland nun wenigstens die Ausbildungen ab dem RS bundeseinheitlich geregelt sind, ist das in den USA ja noch viel mehr Sache der Bundesstaaten, und auch was generell Anforderungen an den Rettungsdienst angeht unterscheiden sich die Lagen in den Bundesstaaten der USA ziemlich arg (gefühlt mehr noch als in Deutschland, wo es wenigstens weitgehend eine Harmonisierung zwischen den Bundesländern gibt)
      - Welchen Einfluss haben etwa demographische Gegebenheiten? (USA: 35 Einwohner pro Quadratkilometer, Deutschland: 232 Einwohner pro Quadratkilometer)

      Insgesamt scheint mir das ein echt groß gefasstes Thema zu sein für eine Arbeit im hier im Thread angegebenen Umfang. Auf den rund 35 Seiten wird es hier meines Erachtens eher nur gelingen, einen groben Überblick über die Unterschiede zu geben. Richtig erkannt wurde auf jeden Fall der recht große Einfluss der Besatzungszonen auf die weitere Entwicklung in Deutschland, aber das ist eben definitiv nur einer von vielen Faktoren. Insgesamt finde ich das Thema der Arbeit echt interessant - fürchte aber, dass das wirklich schwierig werden könnte. (Und ich kenn das, dass sich Themen als echt interessant aber echt umfangreich darstellen, ich liebäugel immer noch mit einer detaillierten Betrachtung der Gründe, weshalb die USA 65% der Serienmörder weltweit stellen, aber einen deutlich geringeren Anteil an der Weltbevölkerung haben - während aber zum Beispiel deutsche Serienmörder im Schnitt deutlich höhere Opferzahlen erreichen als US-Amerikanische. Aber auch das sprengt leider immer wieder den mir zur Verfügung stehenden Rahmen :D)